Der Roman zum Schnuppern

1. Kapitel

„Denn Staub bist du.“

Das Geräusch der Erde, die auf den Sargdeckel trifft, legt sich über den Friedhof und dringt unter die Haut. Ein hohler Laut. Als ob der Mensch im Sarg bereits verschwunden wäre.

Agnethe Bohn weicht der Zeremonie aus. Eilig nimmt sie den Umweg, der unter der Blutbuche entlang und an den Gräbern der Unbekannten vorbei bis zum Friedhofsbüro führt. Sie hasst Beerdigungen. Schon die Nähe eines offenen Grabs jagt ihr kalte Schauer über den Rücken, aber als frisch gebackene Pfarrerin in ihrem ersten Amt wird sie sich nicht ewig davor drücken können.

„Bohn!“

Schnelle Schritte in dem grauen Granitkies hinter ihr.

„Bohn, ich muss Sie sprechen“, keucht der Friedhofsverwalter und holt sie ein, ausreichend weit entfernt von den schwarzen Gestalten der Trauernden. „Die Polizei hat einen Toten gefunden, oben im alten Granitbruch bei Vang. Sie brauchen Ihre Hilfe.“

„Meine Hilfe? Wozu?“

Der Friedhofsverwalter geleitet sie ein Stück weiter zu drei noch unbelegten Urnengrabstellen und dämpft die Stimme. „Um ihn zu identifizieren. Sie sagen, er habe Verbindungen zum christlichen Milieu unserer schönen Insel gehabt und sei auf jeden Fall in der Kirche gewesen.“

Hinter ihnen kippt Munk Mortensen zum zweiten Mal eine Schaufel Erde über dem Sarg aus. Und zum Staub wirst du zurückkehren.

„Und wer ist es?“

„Das wissen sie eben nicht. Noch nicht. Er hatte eins der Info-Blättchen über die Gemeinde dabei, also war er wohl ein Tourist, nehme ich mal an. Sie haben ein Bild geschickt, per Mail, das wir uns ansehen sollen“, sagt der Friedhofsverwalter und zieht ein zusammengefaltetes Papier aus der Innentasche seiner Fjällräven-Weste.

Während er den Bogen auseinanderfaltet, nimmt die Nahaufnahme eines leblosen Mannes zwischen groben Granitbrocken in ihrem Kopf Gestalt an. Ein versteinerter Blick zum Himmel. Sie würde am liebsten davonlaufen, bevor der Verwalter ihr das Bild vors Gesicht halten kann, aber ihre Füße rühren sich nicht.

Das Foto wurde nicht im Granitbruch bei Vang aufgenommen, und es zeigt nichts weiter als einen bleichen Hals sowie eine Halskette mit einem Kreuz aus weißen Rinderknochen und einem dunklen Fleck an einem Ende des Querbalkens. Es ist fast noch schlimmer, und einen Moment lang versagen ihre Lungen den Dienst.

„Tja, das ist ja nun wirklich nicht viel“, hört sie den Friedhofs­verwalter sagen. Seine Stimme scheint von weit weg zu kommen.

Die letzte Schaufel Erde fällt mit einem dumpfen Schlag auf den Sargdeckel.

Es ist Daniil Khristovs Kreuz.

Das Kreuz hatte sich in die Vertiefung seines Schlüsselbeins gelegt, der weiße Rinderknochen war glatt und warm von der Hitze des Körpers gewesen. Agnethe hatte gefragt, ob er religiös sei.

„Vielleicht eher einsam als religiös“, hatte er geantwortet.

Es muss noch andere als Daniil Khristov geben, die ein solches Kreuz um den Hals tragen.

Agnethe lehnt ihr Fahrrad an die weiße Betonfassade der Polizei­dienststelle Rønne. Drinnen nimmt sie Blickkontakt mit der Frau auf, die hinter einer Theke sitzt. Fast ähnelt das Ganze dem Empfang eines kleinen Hotels.

„Ich muss mit Lars Bohn Hansen sprechen.“

Keinen Atem und keine Zeit für Höflichkeitsfloskeln.

„Worum handelt es sich?“

„Vang. Der Tote im Granitbruch.“

Die Frau hinter der Theke nickt, viel zu ruhig – und bittet sie, zu warten. Warten! Als hätte sich die Polizei um dringendere Angele­genheiten zu kümmern. Ein toter Mann liegt am Grund eines Granitbruchs, und es darf nicht Daniil Khristov sein. Sie dreht sich um und starrt auf eine hoffnungslos überfüllte Informationstafel. In die eine Ecke hat jemand eine ältere Karte der Insel gepinnt. Agnethe atmet ein paar Mal tief durch und konzentriert sich auf ihre Füße in den Sandalen. Alles ist willkommen, um den Gedanken wegzuschieben. Den südlichen Teil der Karte verdeckt eine Broschüre über Opferberatung, aber Vang und der Granitbruch sind zirka einen Zeigefinger nördlich von Rønne entfernt zu sehen.

„Du bist also tatsächlich wieder da.“

Lars ist neben der Frau hinter der Theke erschienen. Sie haben sich nicht gesehen, seit Agnethe achtzehn war, aber er ist leicht wiederzuerkennen. Ihr älterer Cousin hat immer noch etwas von dem charmanten, jungenhaften Aussehen, das sie schon früher an ihm gemocht hatte.

„Hej, Lars.“

Natürlich hatte sie gewusst, dass sie sich früher oder später ihrer Familie würde stellen müssen, als sie das Vikariat auf Bornholm annahm. Aber so hatte sie sich ihre erste Begegnung nicht vorgestellt – nicht so schnell und schon gar nicht von Berufs wegen.

Etwas unbeholfen bringt Lars’ linke Hand sein Pony in Ordnung. Dann lächelt er.

Das Grübchen in der linken Wange ist noch da.

Sie kann sich nicht entscheiden, ob eine Umarmung angemessen oder ein Händedruck passender ist, aber in diesem Moment wird Cousin Lars mit dem Grübchen von einer offiziellen Ausgabe seiner selbst beiseite gedrängt, bei der es sich offensichtlich um den Ermittler Bohn Hansen handelt. Der Ermittler streckt die Hand aus, drückt entschlossen zu und parkt sie anschließend in der Hosentasche. Umarmungen kommen hier ganz eindeutig nicht in Frage.

„Wie ich höre, weißt du etwas über die Person, die wir oben in Vang gefunden haben?“

„Ich fürchte, ich weiß, wer er ist …“

„Komm bitte mit“, sagt Lars und schiebt sie in Richtung Fahr­stuhl. Drinnen drückt er auf den Knopf für den ersten Stock, die Türen schließen sich lautlos und der Mechanismus setzt sich brummend in Gang. Jemand sollte etwas sagen. Sie müssen mehr als ein Jahrzehnt Vergangenheit aufholen, aber jetzt gerade ist es unmöglich, sich auf etwas anderes als Daniil zu konzentrieren. Auf die Intensität seiner dunkelbraunen Augen und das Leben, das ihm vielleicht seitdem entrissen wurde.

Die Fahrstuhltüren öffnen sich und geben den Blick frei auf einen Korridor mit einer aschfahlen Tapete. Leise dringen Stimmen durch die geöffneten Bürotüren zu ihnen auf den Flur, und Lars geht voran bis zu einem kleinen Einzelbüro, lässt sich hinter dem Schreibtisch nieder und deutet auf den gepolsterten Besucherstuhl. Dann nickt er ihr aufmunternd zu, als müsse er sie nur einschalten wie die Lampe vor ihm auf dem Tisch, aber sie starrt ihn einfach nur an. Studiert das Gesicht und entdeckt die vertrauten Züge wieder, die Linien und die Mimik. Er sieht sie abwartend an, als sei sie jemand x-Beliebiges.

„Du weißt also, wer der Tote ist?“, fragt er schließlich.

„Ja. Oder … Ich habe erst vor Kurzem hier angefangen, als Pfarrerin …“

„Ich weiß.“

Die Zunge klebt beinahe am Gaumen – wie damals, als sie und Lars sich viel zu viele von Omas Karamellbonbons in den Mund gestopft hatten. Vor einer Ewigkeit.

„Dann erzähl mal“, fordert Lars sie auf, immer noch distanziert und offenbar völlig ahnungslos, was den Kloß in ihrem Hals angeht.

Sie muss wissen, ob es Daniil ist.

„Letzten Sonntag nach der Messe sprach mich ein Russe an und fragte, ob ich ihm helfen könne, seinen Großvater zu finden. Ich glaube, er ist der Tote, den ihr in dem Granitbruch gefunden habt. Also der Russe.“

„Warum glaubst du das?“

Sie schluckt ein Klumpen Speichel herunter. Es darf nicht Daniil sein.

„Die Halskette.“

„Die Halskette?“

Sie muss sich zusammenreißen, um die nächsten vier Worte sagen zu können.

„Ich habe sie wiedererkannt.“

„Aha.“

Lars kritzelt ein paar unleserliche Notizen auf den Block, der auf seinem Schreibtisch liegt. Sie nimmt ihren Mut zusammen. Sie muss fragen.

„Wie ist er gestorben?“

„Das darf ich dir nicht sagen. Er war also Russe, meinst du?“

„Er war aus Nischni Nowgorod, Russlands fünftgrößter Stadt. Ich habe es nachgeschlagen. War es ein Unfall, oder wie ist er …“

„Wir ermitteln in dem Fall, mehr kann ich nicht sagen. Weißt du sonst noch etwas über ihn?“

Ihr Cousin ist eine ansehnliche Erscheinung, attraktiver, als sie es sich vorgestellt hatte. Die gut trainierten Oberarme, das hellblaue Hemd, ein paar graue Strähnen, die ihm aber gut stehen.

Sie würde ihn gerne nach dem Foto auf dem Schreibtisch fragen, nach der blonden Frau und den zwei hübschen Kindern. Das kleinere streckt die Zunge raus. Ihn nach etwas fragen, das nichts mit Daniil zu tun hat, aber es scheint, als sei ihr Cousin ganz und gar hinter dem Ermittler verschwunden, der vor ihr sitzt.

„Agnethe, weißt du sonst noch etwas über ihn?“

„Er sagte, er sei auf Bornholm, um seinen Großvater zu finden. Vor fast einem Monat ist er in die Kirche gekommen. Ein ver­gilbtes Passfoto war alles, was er von seinem Großvater hatte, keinen Namen, nichts.“

„Hm.“

„Seine Großmutter war Soldatin in der Roten Armee.“

„Soldatin?“

„Ja, sie war dabei, als Bornholm befreit wurde. Sie wurde schwanger, als sie hier war.“

Lars sieht von seinem Notizblock auf.

„Die Russen haben Bornholm nicht befreit, sie haben Bornholm besetzt.“

Zwei Furchen, die ihr bisher fremd waren, tauchen auf der Stirn ihres Cousins auf.

„Hat dir dein Vater nichts über Bornholmer Geschichte bei­gebracht? Das musst du dringend nachholen, wenn du hier als Pfarrerin arbeiten willst.“

Die Narbe auf ihrem Oberarm beginnt zu jucken, und sie unterdrückt den Impuls, den Ärmel hochzuziehen und sich an der röt­lichen Schwellung zu kratzen. Warum muss er ihren Vater erwähnen? Den Streit.

Aber sie ist nicht hier, um die Kämpfe der Vergangenheit auszutragen. Nicht jetzt.

„Wie auch immer, jedenfalls hatte er nicht einmal den Namen seines Großvaters, also habe ich ihm erklärt, dass ich ihm nicht helfen kann, und ihm geraten, sich ans Stadtarchiv zu wenden.“

Sie faltet eine körnige Kopie des Passfotos auseinander und legt sie vor Lars auf den Tisch.

„Das ist sein Großvater. Aber niemand kennt ihn, jedenfalls keiner, den ich gefragt habe.“

„Und wen hast du gefragt?“

„Alle in der Kirche.“

Lars studiert die Kopie.

Sie folgt seinem Blick zu dem schwarzweißen Porträt eines Mannes, der etwa Anfang zwanzig war, als er abgelichtet wurde. Es muss lange her sein, der sorgfältigen Arbeit mit Licht und Kontrast nach zu urteilen. Personen auf alten Fotografien wirken oft steif und künstlich, beklommen darüber, vor einer Kamera zu stehen. Ganz anders der vermeintliche Großvater. Ein einnehmendes Lächeln und ein schelmisches Flirten in den Augen. Ähnlich wie Daniil.

„Stand irgendetwas auf der Rückseite?“

„Nur der Stempel eines Fotoladens. Polyfoto, glaube ich. Kein Datum.“

Lars legt das Papier auf der Tischplatte ab, lehnt sich in seinem Stuhl zurück und sieht sie zum ersten Mal eindringlich an, so kommt es ihr vor. Als frage er sich, ob er ihr glauben könne. Wahr­scheinlich bekommt er ständig die haarsträubendsten Räuber­pistolen aufgetischt, und jetzt glaubt er noch nicht mal mehr seiner eigenen Cousine.

„Hast du diesen Russen danach noch mal gesehen?“

„Nein … Doch, am Mittwochmorgen. Er war auf dem Weg ins Archiv. Als ich am Nachmittag ins Pfarrbüro kam, hatte er das hier für mich abgegeben.“

Sie legt den Zettel mit Daniils Handschrift auf den Tisch. I found something. Call me, steht da, darunter sein Name, sowohl mit kyrillischen als auch lateinischen Buchstaben geschrieben, samt einer dänischen Mobilnummer. Sie hatte das Stück Papier in ihrem Briefkasten zu Hause in der Damgade entdeckt, nicht im Pfarrbüro, aber das muss er nicht wissen. Ganz unten auf dem Zettel sind drei Kreuze zu sehen.

Lars unterzieht den Papierfetzen einer etwas eingehenderen Untersuchung als die Fotografie.

„Und? Was hatte er gefunden?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe ihn angerufen, aber er hat sich nicht gemeldet.“

Seitdem hat sie wohl hundert Mal versucht, ihn zu erreichen, hat auf seine Mobilbox gesprochen. Aber er hat nicht zurückgerufen. Hoffentlich gibt es eine andere Erklärung dafür als ein zertrümmertes Handy in einem stillgelegten Granitbruch.

„Was haben die Kreuze zu bedeuten?“

„Ich habe keine Ahnung.“

Lars notiert sich ihre Mobilnummer und ihre Mailadresse.

„Ich mache mir eine Kopie davon, und von dem Foto. Hat er gesagt, wo er wohnt? Im Hotel? Oder hat er Familie hier?“

„Er war auf der Suche nach seiner Familie.“

Anscheinend hat Lars nicht verstanden, wie die Sache zusammenhängt.

„Er wohnt in dem Hotel, wenn man am Friedhof vorbei ist … Radisson. Ziemlich teuer, hab ich noch gedacht.“

Einen Moment lang begegnen sich ihre Blicke, bevor Lars wieder auf seinen Block sieht.

„Also im Fredensborg.“

„Fredensborg?“

Das Kratzen des Kugelschreibers vermischt sich mit dem schwachen Rauschen des Ventilators, während er einigermaßen leserlich Fredensborg? auf den Block kritzelt.

„Nur Touristen nennen es Radisson.“

Er sieht auf. Wieder Blickkontakt.

„Wir überprüfen die Handynummer“, sagt er und zeigt auf den Zettel. „Und das Hotel. Es kann ja sein, dass er dort ist.“

„Ich habe die Nummer angerufen, auf dem Weg hierher.“

Sogar acht Mal. Jeder Anruf wurde direkt auf die Mobilbox geleitet.

„Es kann nichts schaden, das Handy zu checken, nur um ganz sicher zu sein.“

Er steht auf und will das Büro verlassen, hält dann aber inne und dreht sich zu ihr um.

„Meinst du, du kannst ihn identifizieren? Wenn er es ist, dann brauchen wir jemanden, der ihn ganz offiziell identifiziert.“

Nicht noch einmal.

Nicht wieder das Leichenschauhaus. Er will, dass sie dort hinkommt, sich neben einen toten Körper stellt – und nickt oder den Kopf schüttelt. Wie damals. Damals war es der Körper ihres Vaters, der auf der Bahre lag. Damals hatte man ihr ein Nicken abverlangt, das über ihre Kräfte ging. Die Narbe juckt.

2. Kapitel

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Ein süßlicher Geruch empfängt sie im Leichenschauhaus, durch­zogen vom Zitronenduft der Putzmittel.

Blinzelnd blickt Agnethe hoch zu dem Neonlicht an der Decke. Ein paar Sonnenstrahlen fallen flirrend in den engen Korridor, an dessen Ende die Bahre steht.

„Nur einen Augenblick, dann ist es überstanden“, flüstert Lars kaum hörbar neben ihr, vielleicht um sie aufzumuntern, aber es funktioniert nicht. Ein Augenblick oder eine Ewigkeit. Jetzt gerade scheint es ein und dasselbe zu sein.

Die Kälte kriecht über die Knöchel die sommerwarmen Beine hoch. Sie machen einen Schritt nach dem anderen und noch einen und noch einen, ohne der Bahre näherzukommen.

Lars scheint völlig unbeeindruckt zu sein, setzt entschlossen einen Fuß vor den anderen. Sicher ist er diesen Weg schon un­zählige Male gegangen.

Agnethe nur ein einziges Mal. Damals.

Mehr Schritte. Nicht aufblicken. Nicht schätzen, wie oft der Fuß noch gehoben und vorwärts gezwungen werden muss. Einfach weitergehen. Sieh auf Lars’ gewöhnliche Schuhe aus schwarzem Kunstleder, die sich leise knirschend über die weißen Boden­fliesen bewegen. Folge ihnen. Sie ist jetzt Pfarrerin. Sie muss damit umgehen können, tote Menschen zu sehen.

Aber der Geruch.

„Alles in Ordnung? Du bist ganz blass.“

Lars ist stehen geblieben. Die Bahre ist direkt vor ihnen.

Sie nickt, obwohl es eine Lüge ist. Nichts ist in Ordnung.

Ein steifes Laken bedeckt den menschlichen Körper auf der Bahre. Füße und Gesicht zeichnen sich unter der weißen Baumwolle ab. Es könnte irgendjemand sein, der darunter liegt, und die Toten sitzen an Gottes Seite.

Aber der Gedanke spendet keinen Trost. Nicht hier. Es darf nicht Daniil sein.

Lars nimmt ihre Hand, mit der anderen greift er nach dem Laken. Zögert einen Moment, bevor er es umschlägt und das Gesicht des Toten zum Vorschein kommt.

„Oh Gott!“

Die Worte rutschen ihr heraus, ohne dass sie etwas dagegen tun kann.

Es ist das zweite Mal, dass sie neben der Hülle eines Menschen steht, den Geist und Seele verlassen haben. Schultern, an die sie ihren Kopf gelegt hat. Unter dem Laken die Konturen der zuvor so starken Arme, die nur noch leblose Glieder sind und unter dem Stoff beinahe bläulich zu schimmern scheinen.

Der Geruch ist der gleiche wie damals, ein süßlicher Gestank nach einsetzender Verwesung, direkt unter einer dünnen Schicht aus Putzmittel.

„Ist er es?“

Sie will ja sagen, aber es kommt nur Luft aus ihrem Mund. Die Lachfältchen an den zugedrückten Augen sind noch da, obwohl er nicht einmal lächelt.

Natürlich ist er es. Kein Zweifel.

Es ist Daniil.

Sie zwingt ihren Kopf nach unten und wieder nach oben, bringt ein Nicken zustande.

„Und du bist sicher?“

Das blonde, leicht gelockte Haar wirkt, als habe es jemand zurechtgemacht, bevor sie ihn auf die Bahre gelegt haben.

„Er ist es“, stößt sie mühsam hervor und erkennt kaum ihre eigene Stimme wieder.

„Danke. Komm, gehen wir nach draußen.“

Lars’ Hand zieht sanft, aber bestimmt an ihrer. Sie fühlt sich robust an, stark, und auf irgendeine Art und Weise überträgt sich ihre Stärke auf sie und hält sie aufrecht. Etwas muss sie noch tun.

„Kann ich ein paar Minuten alleine mit ihm sein?“

Sie kann ihn nicht loslassen.

Noch nicht.

Muss noch einen Augenblick stehenbleiben, versuchen, eine Form von Frieden zu finden, die sie weitergeben kann. Die Augen schließen und ein stilles Gebet für Daniil Khristov sprechen. Und vielleicht für eine Bornholmer Familie, die noch nicht weiß, dass einer ihrer Verwandten in diesem kalten Leichenschauhaus liegt.

Es lag an seinen Augen. Normalerweise nahm Agnethe Arbeit nicht mit ins Bett, aber bei Daniil Khristov hatte sie eine Ausnahme gemacht. Es waren die Augen. Ihr Blick ließ sie schamlos werden, und sie hatte vorgeschlagen, die Kirche zu verlassen und ihr Gespräch bei ihr zu Hause fortzusetzen. Ganz privat.

Als sie ihm am Esstisch gegenüber saß, verstand sie das mit den Augen. Die Dunkelheit in ihnen wirkte anziehend, und sie strahlten Selbstsicherheit aus. Vielleicht nicht, was sie, Agnethe, anging, sondern mehr eine Selbstsicherheit dem Schicksal gegenüber, die deutlich machte, er werde schon zurechtkommen, was das Leben auch für ihn bereithalten mochte.

Der Rotwein und die warme Sommernacht sorgten dafür, dass ihr Gespräch eine Intensität annahm, wie sie nur beim allerersten Date entsteht. Die Augenblicke des Kennenlernens, in denen alles passieren kann und in denen elektrische Funken schlagen. In denen Gespräche zu Entdeckungsreisen durch die innerstädtischen Zonen eines anderen Menschen werden, wo sich Boulevards kreuzen und Straßenecken vertraut anmuten. Daniil erzählte ihr, wie er das Pass­foto gefunden hatte, als er und sein Vater die Sachen seiner verstorbenen Großmutter sortierten.„Mein Vater wollte es wegwerfen. In Russland ist es meistens keine gute Idee, in der Vergangenheit herumzustochern. Es ist gefährlich“, versuchte er ihr zu erklären.

Dennoch nahm er das Bild des vermeintlichen Großvaters an sich, ohne dass sein Vater es bemerkte.

„Ich glaube, ich würde ihn wiedererkennen. Ich weiß, das klingt seltsam, aber ich würde ihn gerne kennenlernen, falls er noch am Leben ist. Ich bin sicher, dass ich spüren kann, ob er wirklich mein Großvater ist. So etwas spürt man doch, oder?“

Sie hatte genickt und das Gefühl wiedererkannt, die Sehnsucht nach etwas Unbekanntem. Etwas, von dem man nicht weiß, ob es außerhalb der eigenen Fantasie existiert. Die Angst, enttäuscht zu werden, nicht geliebt zu werden von der Familie, die man möglicherweise findet.

„Warum war deine Großmutter auf Bornholm?“

„Sie war Soldatin“, antwortete er mit Wehmut in der Stimme, „stationiert auf Bornholm, nachdem die Rote Armee die Insel von den Deutschen befreit hatte. Im Zweiten Weltkrieg.“

„Gab es damals Soldatinnen?“

„Ja, eine ganze Menge sogar, zumindest in der Roten Armee. Viele der Männer waren gefallen, also brauchte man die Frauen. Einige von ihnen waren Scharfschützinnen, weil man meinte, sie hätten eine ruhigere Hand als Männer.“

Er blickte in sein Glas, das noch zu einem Drittel mit einem wenig überzeugenden Burgunder gefüllt war, und erzählte einfach weiter. Sie hatten eine ganze Reihe Medaillen unter Großmutters Sachen gefunden, einen Orden, eine Tapferkeitsmedaille und Auszeichnungen für ihre Leistungen als Scharfschützin. Sie hatte sie nie jemandem gezeigt, und Daniils Vater vergrub sie auf dem Grünstreifen zwischen ihrem Wohnblock und dem der Großmutter.

„Als sie nach Hause kam, war sie schwanger. Alle dachten, der Vater des Kindes sei ein Soldat, aber mein Vater hat mir erzählt, er sei Zivilist gewesen. Ein Dattjanin, ein Däne. Ich glaube, er hier ist der Vater“, sagte er und tippte mit dem Finger auf das Foto des mutmaßlichen Großvaters. „Und ich glaube, er ist Bornholmer. Jedenfalls steht Rønne auf der Rückseite.“

Er sprach Rønne wie Rune aus, und auf sonderbare Weise klang es charmant. „Deshalb bin ich hier. Ich will ihn finden. Ihn oder seine Familie.“

An diesem Abend hatten sich ihrer beider Leben überlappt. Er war durch mehrere Zeitzonen gereist, um nach einem Menschen zu suchen, dessen Namen er nicht einmal kannte. Und sie hatte ihr gesamtes Leben einer Insel anvertraut, auf die sie über ein Jahrzehnt lang keinen Fuß gesetzt hatte, auf der Suche nach Vergebung, die ihr nur die Menschen gewähren konnten, die sie längst nicht mehr kannte.

Deshalb war es schrecklich gewesen, ihm sagen zu müssen, dass die Kirche ihm nicht helfen konnte. Dass es unmöglich war, ohne weitere Informationen in den Kirchenbüchern nachzuschlagen, einen Namen oder wenigstens ein Geburtsdatum.

„Ich dachte, in eurem Land hilft die Kirche immer“, hatte er auf dem Küchenstuhl sitzend gemurmelt und die Knie unter das Kinn gezogen.

Danach hatten die Augen anders geblickt. Immer noch ruhig, aber auch mutlos. Es stand ihm nicht. Vielleicht hatte sie ihm deshalb vorgeschlagen, im Stadtarchiv zu suchen. Und ihm zu helfen und ihn zu begleiten. Und über Nacht zu bleiben.

Was das Stadtarchiv anging, hatte er abgelehnt.

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